Selbstvertretung

Listen to us! Perspektiven junger Menschenund Eltern auf Selbstvertretungin der inklusiven Kinder-und Jugendhilfe

Das Hearing: direkter Austausch zwischen jungen Menschen und Fachpolitik


Am 26. Januar 2026 fand im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) ein Hearing zur Weiterentwicklung der inklusiven Kinder- und Jugendhilfe statt. Bei dem Hearing ging es um Alltagserfahrungen von jungen Menschen und Eltern und darum, was Selbstvertretung ist und was es braucht, damit Selbstvertretung gut gelingt. 25 junge Menschen und Eltern aus ganz Deutschland kamen dafür nach Berlin ins BMBFSFJ. Organisiert wurde das Treffen von der Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) und dem Careleaver e.V. Es gab fünf Gruppen, die Impulse und Forderungen erarbeitet hatten:

  • junge Menschen aus Wohngruppen
  • junge Menschen aus Pflegefamilien
  • Careleaver*innen aus dem Careleaver e.V.
  • Eltern, deren Kinder in Erziehungshilfen leben oder gelebt haben
  • junge Menschen mit Behinderungen aus der Gruppe jumemb

Forderungen junger Menschen mit Behinderung für eine diskriminierungsfreie,  selbstbestimmte und inklusive Gesellschaft

Die Gruppe jumemb hat beim Hearing zentrale Forderungen für eine diskriminierungsfreie, selbstbestimmte und inklusive Gesellschaft formuliert. Im Mittelpunkt steht der Anspruch, dass Lebensrealitäten, Kompetenzen und Perspektiven junger Menschen mit Behinderungen ernst genommen und in allen politischen, sozialen und institutionellen Entscheidungsprozessen berücksichtigt werden. Ihre Impulse verdeutlichen ein Verständnis von Inklusion, das über reine Teilhabe hinausgeht und auf echte Mitbestimmung, Selbstvertretung und Gleichberechtigung zielt.

Individuelle Assistenzleistungen und Selbstbestimmung

Zentral ist die Sicherstellung individueller Assistenzleistungen in allen Lebensbereichen. Sie gelten als Voraussetzung für selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe. Debatten zu Pooling oder Einschränkung werden kritisch gesehen, weil sie individuelle Bedarfe und Lebensrealitäten verfehlen. Bedarfe sollen nicht abstrakt „verwaltet“, sondern als Ausdruck von Selbstbestimmung und Persönlichkeit verstanden werden.

Inklusive Bildung für alle

Im Bildungsbereich wird eine konsequente Umsetzung des Menschenrechts auf inklusive Schulbildung gefordert. Das Bildungssystem soll Barrieren abbauen, diskriminierungsfreie Zugänge sichern und flexible Unterstützungsformen etablieren. Pooling von Assistenz kann sinnvoll sein, darf aber nicht dazu führen, dass individuelle Bedarfe untergehen. Bildung muss für alle zugänglich sein – unabhängig von Art und Umfang einer Behinderung – und Schulabschlüsse müssen real erreichbar sein.

Teilhabe am Arbeitsleben und Wert des Menschen

jumemb wendet sich gegen die fortbestehende Exklusion durch Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Diese werden als Formen struktureller Ausgrenzung kritisiert, die Teilhabe am regulären Arbeitsmarkt erschweren. Stattdessen soll jede Person, die arbeiten möchte, echten Zugang zum ersten Arbeitsmarkt erhalten – mit notwendigen Unterstützungs- und Assistenzleistungen. Teilhabe am Arbeitsleben ist als langfristige gesellschaftliche Perspektiven junger Menschen und Eltern auf Selbstvertretung in der inklusiven Kinder- und Jugendhilfe Junge Menschen der Gruppe jumemb im Gespräch mit Bundespolitik Investition zu verstehen. Der Wert eines Menschen bemisst sich nicht an Leistungsfähigkeit, sondern an Würde und Individualität.

Inklusiver Kinderschutz und Anerkennung von Expertise

Ein weiterer Schwerpunkt ist der inklusive Kinderschutz und die Stärkung der Selbstbestimmung. Schutzkonzepte sollen Entscheidungsmacht stärken, statt zu bevormunden. Abhängigkeit von Fachkräften oder Betreuungspersonen führt oft zu Ohnmachtserfahrungen und zu einem erhöhten Risiko von Grenzverletzungen. Gleichzeitig kritisiert jumemb das Misstrauen gegenüber der Eigenkompetenz junger Menschen mit Behinderungen: Sie und ihre Familien müssen Bedarfe immer wieder „beweisen“, obwohl sie Expert*innen ihres eigenen Lebens sind. Gleiches gilt für Entscheidungen über den eigenen Körper – hier werden klare Mitbestimmungsrechte gefordert.

Körperbild, Begutachtungen, Selbstvertretungen und Übergänge

Regelmäßige Begutachtungsverfahren, in denen fremde Personen „Defizite“ einschätzen, erschweren ein positives Körperbild. Gefordert wird ein sensibler, respektvoller Umgang und das Durchbrechen objektivierender Routinen. Ein Kernelement ist zudem die Stärkung und langfristige Förderung von Selbstvertretungen, die mitentscheidend in Politik und Praxis eingebunden und in ihrer Unabhängigkeit gesichert werden sollen. Übergänge ins selbstbestimmte Leben müssen inklusiv gestaltet werden: Zugang zu bezahlbarem, barrierefreiem Wohnraum sowie unabhängige, niedrigschwellige und barrierefreie Beratung sind zentrale Voraussetzungen.

Fazit

Die Impulse von jumemb verdeutlichen, dass Inklusion strukturelle Veränderung erfordert. Gefordert ist der Übergang von einer betreuenden zu einer partizipativen Haltung, in der junge Menschen mit Behinderungen als gleichberechtigte junge Menschen mit gesellschaftlicher Teilhabe anerkannt werden. Die dreizehn Forderungen bilden ein Programm für eine Gesellschaft, die Menschenrechte nicht nur formal anerkennt, sondern praktisch umsetzt – in Bildung, Arbeit, Wohnen, Beratung, Schutz und politischer Beteiligung – und junge Menschen mit  Behinderungen als Subjekte ihrer eigenen Lebensgestaltung begreift.

Die gesamte Dokumentation kann heruntergeladen werden:

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